1. Der Damm
Samson
Das Wasser donnert so mächtig durch die Überläufe des Damms, dass die Vibration durch die abgetragenen Sohlen seiner Stiefel kriecht. Er deaktiviert den digitalen Zoom seiner Linse, der die fernen Dörfer als pixelige, zitternde Schemata darstellt, und hebt das alte Fernglas. Optik lügt nicht. Von hier oben sehen die Siedlungen entlang des Flusses aus wie Spielzeughäuschen, ahnungslos von der schwebenden Bedrohung des Wassers. Wie es wohl aussähe, wenn die Mauer bräche? Die Urgewalt des Wassers, mitgerissene Trümmer, eine Flutwelle, die eine Schneise durch das Tal fräst. Es würde niemand bleiben, dem er noch helfen könnte.
Schritte knirschen hinter ihm. »Sonnenschein!« Reischs kratzige Stimme. »Lagebesprechung. Jetzt.«
Samson nickt, lässt das Fernglas mit einem dumpfen Aufprall an den Riemen auf seine Brust fallen. Er stapft Reisch hinterher, vorbei an den gespannten Leinen der olivgrünen Zelte, zum Kommandozelt in der Mitte des Lagers.
Aus dem nahen Sanitätszelt dringt der schrille Piepton eines Wasser-Timers, gefolgt von einem unterdrückten Fluch. Schon wieder einer, der seine vier Minuten nicht im Griff hat. Man ist schon ein wenig versucht, sich einfach mit einem Stück Seife in den Stausee zu werfen…
Seine Stiefel sinken leicht in den aufgeweichten Boden, der bei jedem Schritt leise schmatzt.
Er bückt sich hinter Reisch unter der schweren Plane hindurch. Im Zelt riecht es nach feuchtem Stoff und Anspannung. Monsanto steht mit dem Rücken zu ihm vor einem großen, physischen Modell des Tals, das den Damm und die umliegenden Dörfer detailgetreu abbildet. Grauer Kunststoff, darüber das AR-Overlay der langsam pulsierenden blauen Punkte, der Herzschläge seiner Kameraden. Monsanto bewegt den Finger und gibt das Overlay seiner Linse für die anwesenden Offiziere frei – rote Symbole für feindliche Aktivitäten, blaue Linien für eigene Patrouillenrouten. Ein Werkzeug der Macht, das ihm, einem einfachen Sanitäter, normalerweise verwehrt bleibt. Hauptmann Gruber und Oberfeldwebel Krahn flankieren Monsanto, ebenfalls in das Modell vertieft.
Auf der anderen Tischseite sitzen alle drei zivilen Techniker; ihre Anwesenheit bedeutet meistens, dass es tatsächlich neue Informationen gibt. Die Führungsebene des kleinen Außenpostens ist fast vollständig versammelt, nur Friedrich fehlt. Wird bei dem armen Kerl gebraucht, der auf die RVA-Mine getreten ist, für den unwahrscheinlichen Fall, dass er es übersteht. Egal wie viele sie notdürftig flicken, wie viele Leben sie um ein paar Stunden verlängern. Es kommen immer neue nach. Kein Retten vor dem Zerbrechen. Nur das Aufkehren von Scherben.
»Die Lage ist folgende.« Monsanto spricht, ohne sich umzuwenden, die Stimme hart. »Wir haben achtundzwanzig Tage, um den Damm einzunehmen.« Er tippt mit einem schwieligen Finger auf einen Punkt auf dem Plastikmodell. »Bis dahin werden unsere Jungs von der Hauptstreitmacht diesen Flussabschnitt erreichen. Und wir werden dafür sorgen, dass sie sicher passieren können.« Eine kurze Pause, sein Blick streift langsam über die Anwesenden. »Und das bedeutet, wir übernehmen die Kontrolle über die Wasserressourcen dieses Tals – dauerhaft. Die RVA hat hier lange genug auf Kosten der Föderation und unter Missachtung zentraler Direktiven gewirtschaftet. Ihre sogenannte Autonomie endet hier.«
Die Anspannung im Raum legt sich wie ein Gewicht auf seine Schultern. Achtundzwanzig Tage. Dreißig ISD-Leute hier im Lager, gegen eine unbekannte Anzahl RVA-Kämpfer drüben im Kontrollraum des Damms.
»Ein Ausweichen der Truppen würde einen Umweg von zweihundert Kilometern und eine massive Verzögerung bedeuten.«
»Oberstleutnant.« Grubers schleppender Bass unterbricht. »Mit Verlaub, aber warum jagen wir das Ding nicht einfach hoch? Achtundzwanzig Tage sind ’ne Menge Zeit für das Wasser, um abzufließen, und dann kann uns auch egal sein, wie viele Ratten sich da drinnen verschanzen.«
Unzufriedenes Schnauben kommt aus der Ecke der Techniker.
Samson schüttelt abwehrend den Kopf. »Das würde unzählige zivile Opfer kosten. Wir sind hier, um Infrastruktur zu kontrollieren, nicht um sie zu zerstören.« Die Bilder der Spielzeughäuschen sind noch frisch.
»Und woher nehmen Sie die Versorgung für ein Heer, wenn Sie zuvor die gesamte Ernte eines Landstrichs vernichten?«, ergänzt Krahn säuerlich.
Monsanto schüttelt knapp den Kopf. »Die RVA erhält bereits Unterstützung aus den umliegenden Gebieten. Unsere Aufklärungsdrohnen haben wiederholte, unautorisierte Lieferungen bestätigt, und die abgefangenen Funkprotokolle zeichnen das gleiche Bild. Seit wir die Wasserzuteilung zentralisiert und die alten Nutzungsrechte kassiert haben, sehen sie uns als Besatzer, nicht als Befreier. Wir können es uns nicht leisten, sie durch eine unnötige Zerstörung endgültig gegen uns aufzubringen. Jeder Bauer, dessen Ernte wir vernichten, ist morgen ein neuer RVA-Rekrut. Es ist zu riskant, die Truppen vor einem terroristisch kontrollierten Damm vorbeiziehen zu lassen. Aber es wurde angeordnet, dass die Sprengung nur die allerletzte Maßnahme sein darf. Was bedeutet, nur im Falle eines Scheiterns.« Er wendet sich ihnen zu, der Blick eisig. »Und ich scheitere nicht. Wir schließen die Schleusen, sichern den Übergang und halten die Anlage intakt.«
Monsanto streicht mit dem Daumen über die Plastikkante des Modells, als würde er einen Fleck entfernen.
Um den Tisch herum straffen sich die Rücken der Männer. Krahn nickt, ein kurzes, eifriges Rucken des Kinns. Gruber fixiert Monsanto mit dem Blick eines Gläubigen, der auf die Absolution wartet. In ihren Augen liegt keine Furcht vor dem Feind, sondern die Angst, diesen einen Mann zu enttäuschen.
Monsanto hebt den Blick, seine Augen gleiten über die Gesichter, ruhig, prüfend. Als sie Samson treffen, stellen sich die Härchen in seinem Nacken auf.
Ein kurzes, angespanntes Schweigen. Keine Flutwelle. Vorerst. Samson atmet vorsichtig auf.
»Wie Sie wissen, hat die RVA sich im Hauptkontrollraum verschanzt.« Monsanto fährt mit dem Finger über einen zentralen Bereich innerhalb der Dammskizze auf dem Modell. »Sie haben eine eigene Energieversorgung und eine verstärkte Stahltür. Wir hätten die Mittel, sie zu knacken, aber das würde uns direkt in ihre Angriffslinie bringen. Und ich verschwende nicht die Leben guter Männer, denn es nützt uns nichts, nur die verdammte Tür zu öffnen. Am wichtigsten für uns ist der Code.«
Technikerin Schäffler erhebt sich, ihre Unterlagen rascheln. »Das Kontrollterminal ist passwortgeschützt. Die RVA hat das Passwort, wir haben schon mehrfach beobachtet, wie sie die Durchstrommenge verändert haben. Damit wir das nach erfolgreicher Übernahme auch können, brauchen wir den Code.« Ein Seitenblick zu Gruber. Dann betont langsam, als spräche sie mit einem Kleinkind: »Damit wir das Wasser abstellen und unseren Kameraden die Überquerung ermöglichen können.«
Sie setzt sich wieder.
Samson blickt auf den Boden. Eine gründliche Erklärung schadet doch keinem…
»Und diesen Code beschaffen wir wie, Herr Oberstleutnant?« Grubers Augen blitzen kurz auf, ein Funke Gier nach Aktion.
»Es gibt da eine Entwicklung.« Ein Anflug von Zufriedenheit gleitet über Monsantos Züge. »Krahn, Sie haben die Ehre.« Er tritt einen Schritt zur Seite und gibt den Platz für Oberfeldwebel Krahn frei.
»Unsere Morgenpatrouille hat einen Überraschungsfund gemacht«, sagt Krahn, seine Laune auffallend gut.
Monsanto steigt in sein triumphierendes Grinsen ein. »Wir haben heute Morgen einen Gefangenen gemacht.«
Oh. Große Neuigkeiten. Samson richtet sich noch gerader auf, sein Blick fliegt zwischen den Anwesenden hin und her. Wer weiß von was? Krahn scheint derjenige gewesen zu sein, dessen Patrouille den Widerständler aufgegriffen hat. Während seine beiden Techniker-Kollegen unruhig auf ihren Stühlen hin und her rutschen, bleibt Nau vollkommen ruhig sitzen, die Hände gefaltet im Schoß. Der Staudruck-Experte war heute Morgen mit im Damm – was auch bedeutet…
»Devamoor wurde außerhalb des Kontrollraums gefasst, als er versuchte, zum Wasserreservoir zu gelangen.« Monsanto blickt Samson direkt in die Augen. »Der Name sollte Ihnen allen bekannt sein.«
»Jawohl.« Er sieht die Akte noch vor sich. Valeri Devamoor. Das schwarze Schaf.
Monsanto wendet sich an die zivilen Techniker. »Der übergelaufene Devamoor-Sohn. Inzwischen ein ganz hohes Tier, einer ihrer führenden Strategen. Ein Künstler, sagen die Berichte. Unberechenbar.« Monsantos Augen flammen auf, als er über den Gefangenen spricht, als würde der Name eine tiefe, schwelende Glut entfachen.
Wow. Valeri Devamoor. Warum schleicht ausgerechnet so ein hochrangiger RVA-Mann durch die Gänge eines Dammes mit regelmäßigen feindlichen Patrouillen, statt sicher bei seinen Leuten im Kontrollraum zu bleiben?
Reisch räuspert sich, sieht Krahn an. »Sicher, dass es keine Sabotagemission war, Kamerad?«
Monsanto winkt an Krahns Stelle ab. »Ist geprüft, der Damm ist sauber. Ich dachte auch nicht, dass ich das mal zu Ihnen sagen würde, Reisch, aber Sie interpretieren zu viel hinein. Er ist total abgemagert. War kein Zuckerschlecken da drinnen.« Sein Mitleid hält sich sichtlich in Grenzen.
Sicher, es war ihre eigene Entscheidung, sich dort zu verschanzen, aber trotzdem. Welche Wahl hat man manchmal schon?
»Erlaubnis, den Gefangenen zu untersuchen, Herr Oberstleutnant?«, fragt Samson.
Monsanto nickt. »Ihre medizinische Ausbildung macht Sie zur idealen Person für die Betreuung des Gefangenen. Stellen Sie sicher, dass er vernehmungsfähig bleibt.«
Ein kalter Schauer rinnt über seinen Rücken. Das war nicht das, was er bezwecken wollte.
Monsanto tritt einen Schritt näher. »Und Sie werden ihn verhören. Bringen Sie ihn dazu, uns den Zugangscode für das Kontrollterminal zu geben und seine Leute zur Aufgabe zu bewegen.«
Samsons Magen plumpst in seine Kniekehlen. »Herr Oberstleutnant, ich bin Sanitäter, kein Verhörspezialist. Wäre nicht Oberfeldwebel Krahn geeigneter…« Ein widerlicher Befehl. Aber ein langer, blutiger Kampf um den Damm, noch mehr von RVA-Minen zerfetzte Soldaten, ist es auch. Ein schneller Informationsgewinn würde diesen Krieg verkürzen, letztendlich Leben retten.
Monsanto mustert ihn abschätzend. »Ihre… sanfte Art könnte von Vorteil sein. Sie haben einen Draht zu Menschen. Nutzen Sie ihn. Manchmal ist Zuckerbrot effektiver als die Peitsche.« Sein starrer Blick ruht auf Samson, als würde er ein neues Werkzeug auf seine Belastbarkeit prüfen. »Zumindest am Anfang.«
Sanfte Art. Er schluckt schwer. Devamoor ist kein Dummkopf. Hoffentlich reicht Reden. »Jawohl.« Das Wort kratzt im Hals.
»Gut.« Monsanto wendet sich ab, ein Zeichen, dass die Besprechung beendet ist. »Schäffler, Svoboda, Nau, Sie sind entlassen. Reisch, Gruber, Krahn, Einsatzdetails folgen. Hauptfeldwebel, folgen Sie mir.«
Als die anderen das Zelt verlassen, hält Monsanto Samson mit einer knappen Handbewegung zurück. »Noch etwas, Sonnenschein.« Seine Stimme ist nun leiser, vertraulich. »Devamoor ist hochintelligent und manipulativ. Lassen Sie sich nicht einwickeln. Er ist der Feind. Vergessen Sie das nie.«
»Danke für die Warnung.« Die Dienstpistole an seiner Hüfte ist schwerer als sonst. Ein Sanitäter für so ein Verhör. Und diese Warnung jetzt. Monsanto spielt irgendein Spiel. Kälte kriecht ihm den Nacken hoch.
Monsanto nickt ihm zu und geht mit schnellen Schritten hinaus.
Draußen peitscht ihm Sprühregen ins Gesicht, oder vielleicht ist es nur Gischt, die der Wind vom Damm herüber trägt. Sein Rauschen scheint lauter, ein unaufhörliches Mahnen an die Gewalt des Wassers, die hier gebändigt ist – und die jederzeit entfesselt werden kann.
Was würde Liz sagen? Wahrscheinlich nichts. Nur dieses eine, prüfende Nicken. Die Notwendigkeit verstehen, den Befehl akzeptieren. Sie ist Teil dieses Systems, mehr als er es je sein wird. Er atmet tief durch, folgt Monsanto zum Besucherzelt am Rand des Lagers. Jeder Schritt in dem nachgiebigen Boden ist ein tieferes Einsinken in den Schlamm.
Ein Standard-Mannschaftszelt, nur etwas abseits der anderen gelegen. Zwei Wachen stehen davor. Sie salutieren zackig vor Monsanto, ihre Haltung lockert sich jedoch merklich, als Samson einen Augenblick vor dem Zelteingang innehält.
»Morgen, Sattler. Ludin. Ist das Knie besser?«
»Morgen, Herr Hauptfeldwebel. Hat gut geholfen, danke.« Der andere grüßt eine Spur zu eifrig zurück.
»Alles ruhig mit dem Gast?« Samson hält seine Stimme leise.
»Still wie ein Grab. Hat sich nicht gerührt. Wasser steht bereit, falls er was braucht. Befehl ist, ihm zu geben, was er verlangt, solange es nur Grundbedürfnisse sind. Aber bisher kam nichts.«
»Gut. Ich übernehme.« Samson schiebt die feuchte Zeltplane beiseite und tritt ein.
2. Der Gefangene
Samson
Die abgestandene Luft im Zelt riecht nach altem Schweiß und Angst.
In der Mitte, auf einem einfachen Metallstuhl, sitzt Valeri Devamoor. Monsanto steht hinter ihm, die Hände lässig auf der Stuhllehne, als würde er Besitz markieren. »Unser Gast wartet bereits.«
Devamoors Hände sind an die Längsstreben der Rückenlehne gefesselt. Er trägt eine dreckige RVA-Uniform, sein Gesicht ist blass, dunkle Schatten liegen tief unter den Augen. Den Geheimdienstberichten nach ist er Ende zwanzig, also fast so alt wie Samson. Seltsam, wie unterschiedlich ihre Leben verlaufen sind. In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, hätten sie vielleicht zusammen zur Schule gehen können. Vielleicht wären sie sogar Freunde gewesen. Aber die Umstände sind, wie sie sind. Jetzt steht Samson hier, und Devamoor ist sein Gefangener.
Eine Schürfwunde an Devamoors Kinn leuchtet rot und ist leicht geschwollen. Die Kabelbinder an seinen Handgelenken sehen schmerzhaft eng aus; die Haut darunter ist wundgescheuert, blutig. Ein Stich in Samsons Brust. Dieser Mann ist ein Feind, ja. Ein wertvoller Gefangener. Aber das hier… das ist unnötig grausam.
Devamoor hebt den Blick unter einem Vorhang schwarzer Strähnen. Sein Blick ist wie ein Schlag. Keine Angst. Kein Trotz. Nur eiskalte Verachtung. Samsons Kehle schnürt sich zu, ein Kloß, den er nicht herunterschlucken kann.
»Devamoor weigert sich, zu kooperieren«, sagt Monsanto. Seine Stimme ist leise, bedauernd. Er tritt hinter den gefesselten Stuhl. Seine Hände legen sich auf Valeris Schultern. Er drückt nicht zu, er knetet den Stoff der Uniform leicht, rückt den Kragen zurecht, streicht eine imaginäre Falte glatt. Valeri erstarrt unter der Berührung.
»Sehen Sie sich an.« Monsanto zieht ein strahlend weißes Stofftaschentuch aus seiner Brusttasche. Er führt es zum Mund, befeuchtet eine Ecke davon mit der Zunge. Samson starrt auf die feuchte Stelle auf dem Leinen.
Vorsichtig, mit zärtlicher Genauigkeit, wischt Monsanto einen Fleck Ruß von Devamoors Wange. Devamoor zuckt zurück, aber Monsantos Hand im Nacken hält ihn fest.
»Ihr Vater ist ein großer Mann. Ein Visionär. Und er leidet unter Ihrem Verrat.« Monsanto betrachtet das schmutzige Tuch, faltet es akkurat zusammen, sodass der Dreck innen liegt. »Ich werde Sie… zur Vernunft bringen.«
Er seufzt tief. »Ich werde Sie waschen. Ich werde das Kranke aus Ihnen herausschneiden, bis Sie wieder der Sohn sind, den er verdient hat.« Er tätschelt Devamoors nun saubere Wange mit dem Handrücken. »Ich bin nicht wütend. Ich bin nur traurig, dass Sie mich zwingen, streng zu sein.«
In Samsons Linse flackert ein winziges, rotes Overlay über Devamoors Brust auf: HERZFREQUENZ 135. ADRENALIN PEAK. Sein Körper verrät die Panik, die sein Gesicht verbirgt.
»Die Föderation ist nicht perfekt, aber sie ist ein Bollwerk gegen das Chaos.« Monsantos Blick ist nun starr auf Samson gerichtet. »Ich lasse das in Ihren fähigen Händen. Bringen Sie ihn zum Reden. Den Code für das Terminal, die Schwachstellen der Verteidigung – alles, was uns hilft, den Damm schneller und mit weniger Verlusten zu übernehmen.«
Samson nickt mechanisch. Seine Finger zucken, als wollten sie nach der Medizintasche greifen, die er sonst immer bei sich trägt. Er unterdrückt den Impuls.
Monsanto drückt ihm beim Herausgehen die Schulter. »Ich erwarte erste Einschätzungen zu unserem Gast bis heute Abend.« Er hält einen Moment inne, sein Blick schweift zum Zelteingang, Härte tritt auf seine Züge. »Die Devamoors sind voll unerschütterlicher Loyalität zur Föderation, ein Pfeiler unserer Gesellschaft. Es ist eine verdammte Schande, wie der Name durch diesen… Abtrünnigen beschmutzt wurde. Sorgen Sie dafür, dass er darüber nachdenkt, was er seinen Eltern damit antut, Hauptfeldwebel.«
Das Flattern der Zeltplane ist für einen Moment das einzige Geräusch, dann kehrt die Fast-Stille des ewigen Wasserdonnerns zurück.
Samson dreht sich langsam zu dem Gefangenen um. Devamoor sitzt ruhig auf dem Stuhl, die dunklen Augen beobachten ihn aufmerksam, lauernd.
Vorsichtig nähert er sich. Als er noch zwei Schritte entfernt ist, spuckt Devamoor aus. Trifft Samsons Stiefel. Ein kleiner, dunkler Fleck auf dem schlammverkrusteten Leder.
Samson bleibt stehen. Atmet tief durch. Zählt innerlich bis drei.
»Das war nicht nötig.« Seine Stimme ist eine Spur tiefer als sonst. Er geht zum Tisch, auf dem die Wasserflasche und eine Ration liegen, ignoriert den Fleck auf seinem Stiefel.
»Ach ja?« Devamoors Stimme ist ein raues Zischen. »Was ist schon nötig? Dass ihr mich hier festbindet wie ein Tier? Dass ihr diesen Damm wollt, egal wie viele meiner Leute oder eurer eigenen Bauern dabei draufgehen? Was davon ist nötig?«
Das Unwohlsein drückt. Dieser Mann… wie ein verletztes Raubtier. Gefährlich, unberechenbar. Vorsichtig sein. Sehr vorsichtig.
»Ich bin Sanitäter.« Samson dreht sich um. »Ich bin hier, um sicherzustellen, dass Ihre Grundversorgung gewährleistet ist.« Er deutet auf die Wasserflasche. »Wollen Sie etwas trinken?«
Devamoors Augen mustern ihn von oben bis unten. Ein langsames, abschätziges Abtasten. »Sie schicken den Grobschmied. Interessant. Waren die mit Hirn alle beschäftigt, oder warum darf der Schrank hier den Babysitter spielen?« Die Worte sind präzise gesetzt, bohren sich genau dorthin, wo es weh tut. Seine Ohren werden heiß und ein vertrautes, dumpfes Pochen beginnt hinter seiner Stirn. ›Einem Raubtier zeigst du keine offene Kehle, Sam‹, hat Friedrich erst letzte Woche gesagt. Er hatte recht. Dieser Mann weiß, wie man verletzt. Schnell und gezielt.
»Die Kabelbinder«, sagt Samson und übergeht die Provokation. Er nickt zu Devamoors Handgelenken. »Sind zu eng.«
Devamoor lacht bitter. »Und?«
Samson ignoriert den Spott. Geht zum offenen Werkzeugkasten neben dem Tisch. Holt neue, breitere Kabelbinder und den Seitenschneider. Kehrt zurück. Devamoor beobachtet jede Bewegung. Kalt. Wach.
Samson kniet sich vor ihn. Der Boden ist klamm unter seinem Knie. »Hände nach vorne.«
Devamoor zögert. Dann schiebt er die Arme langsam vor, soweit es geht. An der Innenseite des linken Handgelenks klafft eine rohe, aufgerissene Wunde. Die Haupt-Synapse. Abgerissen. Vermutlich er selbst. Lieber zerstört als in Feindes Händen. Hart im Nehmen.
Samson reinigt und desinfiziert die Wunde. Legt die neuen Binder an. Lockert sie gerade so, dass sie halten, aber nicht schneiden. Das gehört verbunden, nicht gefesselt… Seine Finger streifen Devamoors Haut. Kühl.
Der Seitenschneider. Ein scharfes Knacken. Die alten Binder fallen auf den Boden. Die Striemen darunter sehen ebenfalls übel aus. Rot, offen.
»Danke«, sagt Devamoor tonlos. Bewegt die Handgelenke in den neuen Fesseln. Es klingt nicht wie Dank. Eher wie Hohn. »Was kostet mich dieser Service?«
»Nichts. Ich… wollte nur helfen.« Samson zieht den zweiten Stuhl heran, die Metallbeine graben tiefe Furchen in den weichen Boden unter der Zeltplane. Er setzt sich Devamoor gegenüber. Ihre Knie sind nur Zentimeter voneinander entfernt. Der Größenunterschied ist erdrückend. Fühlt sich riesig, plump. Und gleichzeitig seltsam ausgeliefert unter diesem intensiven Blick. Davor also hat Monsanto ihn gewarnt.
»Nur helfen. Du hilfst allen Gefangenen mit dieser persönlichen Hingabe?«
Die Frage trifft Samson unvorbereitet. »Ich… ich habe keinen Zugang zu ihnen. Es gibt–«
»Dann fass mich nicht mehr an. Statist in deinem Selbstbetrug zu sein, widert mich an.«
Was– wieso–? Hat er etwas Verwerfliches getan?
Er hält einen Augenblick inne. Die Anschuldigung ist absurd. Er kann nicht einfach jedem Gefangenen helfen. Die Protokolle, seine Zuständigkeiten… Das zu ignorieren, würde ihn seine Position kosten. Dann könnte er überhaupt niemandem mehr helfen. Die Worte waren ein Angriff, oder? Meistermanipulator.
Samson atmet tief durch. Zwingt sich zu der Ruhe, die ihm Monsanto zugetraut hat. Nutze deinen Draht zu Menschen. Was für ein Draht? Da ist nur Anspannung.
»Ich bin nur hier, um Fragen zu stellen. Warum waren Sie außerhalb des Kontrollraums?« Er versucht, seine Stimme ruhig, verständnisvoll klingen zu lassen. Nicht wie ein Verhörspezialist. Eher wie… ein Sanitäter, der eine Anamnese erhebt. »Es muss einen wichtigen Grund gegeben haben. Sie sind Stratege. Sie gehen keine unnötigen Risiken ein.« Er lehnt sich leicht vor. »Hatten Sie Angst um Ihre Leute? Ging es um die Versorgung?« Er versucht, eine Verbindung herzustellen. Eine gemeinsame Sorge. Überleben. Verantwortung.
Devamoor lehnt sich leicht zurück, soweit es der Stuhl und die Fesseln erlauben. Etwas wie Belustigung tanzt in seinen Augen. »Vielleicht wollte ich mir nur die Beine vertreten. Die Luft da drin ist furchtbar.« Er macht eine Pause, sein Blick wird wieder scharf, kalt. »…Oder vielleicht wollte ich die Monster besichtigen, die versuchen, uns auszuhungern.«
»Wir sind keine Monster.« Die Worte fühlen sich falsch an, selbst für ihn. »Wir folgen Befehlen. So wie Sie. Aber es gibt vielleicht einen Weg, das hier zu beenden, ohne dass noch mehr Menschen leiden müssen.« Ein Appell an die Logik. An die Menschlichkeit? »Ihre Position ist… schwierig. Das sehen Sie doch sicher auch?«
Devamoor hebt die Augenbrauen, gespielte Neugier. »Besetzung ziviler Infrastruktur, Kontrolle über lebenswichtige Ressourcen, Bedrohung von Zivilisten… aber keine Monster. Natürlich nicht.« Sein Blick wird stechend. »Vielleicht sollten wir erst einmal Begriffe klären. Was genau verstehst du unter ›Monster‹, Grobschmied?«
Grobschmied. Der Stich sitzt wieder. Die mühsam aufrechterhaltene Ruhe beginnt zu bröckeln.
»Jemanden, der unnötiges Leid verursacht«, antwortet Samson schließlich, seine Stimme jetzt härter. »Wir wollen das vermeiden. Geben Sie uns den Code, dann können wir diesen Konflikt schnell beenden.«
»Ah, der humanitäre Kriegseinsatz«, spottet Devamoor. »Der historische Klassiker. Soll ich dir die statistische Erfolgsquote dieser Strategie vortragen? Oder reicht die Kurzfassung: Funktioniert nie, endet immer im Blutbad.«
Wieso ist er so?
»Der Damm wird fallen. Es ist nur eine Frage der Zeit.« Warum sieht er das nicht?
Devamoor betrachtet ihn mit einer Mischung aus Langeweile und Spott. Sein Blick bleibt durchdringend, trotz der tiefen Schatten der Erschöpfung unter seinen Augen.
»Bald trifft unsere Hauptstreitmacht ein«, fährt Samson fort. »Wie viele Leute seid ihr da drinnen noch? Zwanzig? Dreißig? Die Zahlen stehen nicht gut für euch.«
»Geschichte wird nicht von Zahlen gemacht, sondern von Menschen, die bereit sind, für ihre Überzeugungen zu sterben.«
Samsons Stirn legt sich in tiefe Falten. »Ist das Ihre Absicht? Zu sterben? Für eine verlorene Sache?«
»Meine Absicht ist es, meinen Auftrag zu erfüllen.«
Ein schriller, pulsierender Alarm gellt durchs Lager. Samson zuckt zusammen. Ein synthetisches Heulen, das selbst das Donnern des Damms durchdringt. Sein Blick schnellt zur Zeltplane. Draußen werden Befehle gebrüllt, ein plötzliches, hektisches Treiben.
»Chemischer Alarm! Alle Mann nach drinnen, versiegelt die Zelte! Thermische Front trifft uns in eins fünfundvierzig! Prognostizierte Dauer: zwei Stunden!« Reischs kratzige Stimme, verzerrt durch ein Megafon.
Samsons Blick trifft Devamoors. Der Gefangene sitzt unverändert auf seinem Stuhl, beobachtet ihn mit einer kühlen, neugierigen Distanz, als wäre dies nur eine weitere Variable in einem uninteressanten Spiel.
Bevor Samson reagieren kann, hören sie es. Ein lautes, unheimliches Zischen, das schnell näher kommt, als würde ein Riese einen gigantischen Kessel löschen. Regen prasselt gegen die Zeltplane, aber es ist kein normales Prasseln. Es ist ein aggressives, kochendes Geräusch.
»Siedesturm«, murmelt Samson. Er hat die Berichte gelesen, heftiger in dieser Höhenlage. Der Preis dafür, in einer Feuchtzone zu leben.
Dichter, weißer Dampf quillt unter den Rändern der Plane ins Zelt, bringt einen schwefeligen Geruch mit sich.
Samson springt auf, zerrt die schweren Verschlüsse der Zeltplane zu, sichert sie so gut es geht. Die Welt draußen ist verschwunden, ersetzt durch ein undurchdringliches, zischendes Weiß. Das Licht im Zelt wird diffus, unheimlich. Sie sind gefangen. Isoliert.
Er wendet sich wieder zu Devamoor. Die Katastrophe draußen scheint ihn nicht im Geringsten zu berühren.
Die erzwungene, klaustrophobische Nähe in dem dampfgefüllten Zelt macht die Luft noch schwerer zu atmen. Die Stille zwischen ihnen ist jetzt nur noch vom Zischen des Regens und dem leisen Brodeln draußen untermalt.
»Schon mal jemanden gesehen, der nicht schnell genug Schutz gefunden hat?«, fragt Devamoor. Seine Augen fixieren Samson, unerschütterlich. Schon klar. Devamoor und seine Leute sind nicht aus Spaß hier oben. »Ihr könnt mich foltern, aber ich werde nichts sagen.«
Samsons Magen krampft bei dem Gedanken, diesem Mann Schmerzen zuzufügen. Seine Hände – Sanitäterhände – ballen sich zu Fäusten. »Niemand spricht von Folter«, sagt er leise.
Devamoor lacht, kurz und trocken. »Noch nicht. Aber wir beide wissen, wohin das führt. Erst die gespielte Freundlichkeit, dann die Drohungen, dann der Schmerz.« Er lehnt sich vor, soweit die Fesseln es zulassen, sein Gesicht kommt unangenehm nah. »Überspring die ersten beiden Schritte. Spar uns beiden die Zeit.«
Samson geht unruhig zum Zelteingang, dann wieder zurück. Seine Stiefel hinterlassen neue Abdrücke in der Plane. Er holt tief Luft, versucht, den Schwefelgestank und das Zischen des Sturms auszublenden, versucht eine andere Taktik.
»Hören Sie zu, es geht hier nicht nur um militärische Ziele.« Er macht einen kleinen Bogen am Tisch vorbei, hebt den Notizblock und den Stift auf, die dort liegen. »Der Stausee versorgt Zivilisten mit Wasser. Wenn dieser Konflikt eskaliert, werden unschuldige Menschen leiden. Kinder, Alte, Kranke. Ist es das, wofür Sie kämpfen?«
Etwas flackert kurz in Devamoors Augen – ein flüchtiger Riss in der eisernen Fassade. Ein Anflug von Hoffnung. Ist das etwas, das man nutzen kann?
»Die Zivilisten«, sagt Devamoor langsam, »werden so oder so leiden. In jedem Krieg sind sie die wahren Verlierer.« Er hält inne, seine Finger zucken leicht. »Aber wenn wir den Damm halten, haben wir ein Druckmittel. Für Verhandlungen. Für einen Waffenstillstand, der Leben retten könnte.«
Samson geht auf und ab. »Glauben Sie wirklich, dass Ihre Vorgesetzten an Verhandlungen interessiert sind? Oder geht es ihnen nicht doch nur um strategische Positionen auf einer Karte? Um Macht?«
»Du glaubst tatsächlich an das, was du sagst.« Ein schmales Lächeln zieht an Devamoors Lippen. »Das ist selten. Und gefährlich, in deiner Position.«
Samson kehrt zum Stuhl zurück, bleibt aber diesmal daneben stehen, blickt auf Devamoor herab. Er zwingt seine Schultern nach hinten, versucht, einen Ausdruck von Härte auf sein Gesicht zu legen, den er nicht fühlt. Wieder diese erdrückende Nähe. Er hält den Notizblock – immer noch leer – unbeholfen in seinen großen Händen. »Reden Sie mit mir. Ich kann Ihnen helfen, Ihre Leute zu schützen. Wenn Oberstleutnant Monsanto das hier übernimmt, kann ich nichts mehr für sie tun.« Seine Stimme ist weich, aber der Frust darin ist unüberhörbar.
»Meine Leute wissen genau, worauf sie sich eingelassen haben.«
»Aber kommen Ihre Leute auch ohne ihren Strategen klar?«
Devamoor lacht freudlos. »Im Gegensatz zu euch Stiefelleckern brauchen meine Leute keine Erlaubnis eines Vorgesetzten, um zu denken.«
»Es geht hier nicht um Politik.« Samson versucht es erneut, seine Stimme klingt jetzt flehend. »Es geht um Menschen. Ihre Leute. Unsere Leute.«
»Es geht immer um Politik«, kontert Devamoor kalt. »Besonders, wenn Leute wie du behaupten, es ginge nicht darum.«
Die Frustration kocht höher. Und etwas anderes mischt sich darunter. Eine seltsame, widerwillige… Bewunderung? Dieser Mann, gefesselt, körperlich unterlegen, kämpft mit Worten, mit Blicken, mit Willenskraft.
»Sie verstehen nicht, was hier auf dem Spiel steht«, sagt Samson drängend.
Devamoor lacht wieder, das kurze, bittere Geräusch. »Oh, ich verstehe es besser als du, Sanitäter. Viel besser. Und genau deshalb sitze ich hier. Und du stehst da und weißt nicht, was du tun sollst.«
Sanitäter. Samson sucht nach Worten. Nach einem Hebel. Nach irgendetwas, das diese Mauer aus verachtender Intelligenz durchbricht. Aber er findet nur die unbequeme Erkenntnis, dass Devamoor recht hat: Er weiß nicht, was er tun soll. Und dieser verdammte Gefangene fasziniert ihn mehr, als gut für ihn ist.
Draußen pfeift und zischt der Sturm.
»Das reicht.« Seine Stimme klingt fremd. Tiefer. Rauer. Die Worte schmecken bitter. »Die Schonfrist ist vorbei. Kooperieren Sie, oder die Behandlung wird… unangenehmer.« Die Worte hervorzuwürgen fühlt sich an, wie verdorbenes Essen zu schlucken.
Devamoor mustert ihn, ein neues, waches Interesse in seinem Blick. »Ah. Da ist er ja. Der Soldat. Endlich Zeit für Phase zwei?«
»Ich bin immer Soldat.« Die Worte sind gepresst. Aber der Sanitäter in ihm schreit. »Aber das hier muss nicht sein. Reden Sie.«
Er beugt sich leicht vor, versucht, die Bedrohung auszustrahlen, die Monsanto von ihm erwartet. Versucht, Devamoors Blick standzuhalten, Härte auszustrahlen. Aber in Devamoors Augen sieht er keine Angst. Er sieht… Berechnung. Eine kühle, sezierende Intelligenz, die ihn zu durchdringen scheint, als würde sie seine eigene Unsicherheit, seinen Widerwillen abtasten, wie ein Chirurg ein offenes Organ. Bloßstellung. Als hätte der Gefangene gerade eine tiefe Schwachstelle erkannt, ohne ein einziges Wort zu sagen.
Gefährlich. Der Gedanke blitzt ihm durch den Kopf. Dieses Gefühl, so durchschaut zu werden. Die plötzliche Angst, dass dieser scharfe Verstand ihn ausmanövriert, ihn manipuliert, bevor er es überhaupt merkt. Monsantos Warnung dröhnt in seinem Kopf. Lassen Sie sich nicht einwickeln. Das Gefühl abschütteln, es zumindest versuchen. Zusammenreißen. Konzentration. Professionell bleiben. Die Kontrolle behalten.
»Der Code«, sagt er, seine Stimme jetzt wieder fester, lauter als beabsichtigt, als wollte er seine eigene Unsicherheit übertönen. »Die Anzahl Ihrer Leute. Ihre Bewaffnung. Ihre Moral. Reden Sie. Machen Sie es sich nicht schwerer als nötig.«
Devamoor hebt eine Augenbraue. Ein schmales, undurchdringliches Lächeln spielt um seine Lippen. Die kühle Berechnung ist wieder voll da, jede Spur von Verletzlichkeit – wie bei der Erwähnung der Zivilisten – ist verschwunden. »Ganz ehrlich, Sanitäter? Ich hatte schon Familienessen, die unangenehmer waren als dieses Verhör. Hör auf, mich zu beleidigen.«
Ihre Blicke treffen sich, halten einander stand.
Devamoor studiert Samsons Gesicht mit einer wissenschaftlichen Präzision, scheint jede kleinste Regung zu katalogisieren. Dieses schreckliche Gefühl, gelesen zu werden, durchschaut worden zu sein. Wie dieser kleinere, gefesselte Mann ihn mit nichts als seinem Intellekt dominiert.
Devamoor, Valeri, weiß nicht, was er da tut. Weiß nicht, was für ein Mann Monsanto ist. Wenn er nicht redet, wird Samson ihn nicht vor seinen Methoden schützen können, die… Er hat vermieden, allzu genau hinzusehen.
»Einige Räume dieses Lagers liegen unterirdisch.« Das Sprechen kostet ihn unermessliche Kraft. »Es sind umgenutzte Wartungsräume des alten Dammes. Sie eignen sich gut dafür, denn das Wasser ist laut, und es gibt Abflüsse im Boden.« Gott, gleich muss er sich übergeben.
»Gut«, sagt Devamoor. »Dann hocke ich wenigstens nicht mehr in einem beschissenen Zelt.«
3. Stein
Samson
Samson nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche, blickt zum Verhörzelt herüber. Die Erde dampft wie nach einer heißen Wäsche. Hat er überhaupt irgendeinen Fortschritt gemacht in all den Stunden? Inzwischen steht die Sonne auf der anderen Seite der Zelte, der Schatten des Berges stürzt dem Lager entgegen. Noch ein paar Minuten, bis die Kälte sie wieder erreicht.
Ein Blick zur Lagermitte, zum Kommandozelt. Devamoor muss reden.
Sattler stapft auf ihn zu, einen Stapel gefaltete, ISD-schwarze Kleider auf dem Arm. Er streckt sie Samson entgegen.
»Für den Gefangenen, Hauptfeldwebel Sonnenschein. Seine Kleidung soll durchsucht werden. Sicherstellen, dass er nichts bei sich hat.« Eine offizielle Lüge. Es geht darum, ihn seiner Identität zu berauben, ihn weiter zu zermürben.
Samson nickt, nimmt die Kleider entgegen. »Verstanden. Danke.«
Sattler nickt ihm zu und geht wieder, seine Schicht als Wachposten wohl zu Ende.
Samson lässt die verspannten Schultern kreisen. So wie das Verhör bisher läuft, ist sein Tag heute noch lang. Er stellt die Flasche ab und kehrt ins Zelt zurück.
Drinnen wieder Zwielicht, ätzende Blicke.
»Ziehen Sie sich um, Devamoor.« Seine Stimme ist zu formell, ein Schutzwall. Er legt das Bündel frischer ISD-Standardkleidung auf den kleinen Klapptisch. »Sicherheitsgründe.« Er tritt hinter Devamoor, seine Stiefel versinken leicht im feuchten Zeltboden. Die Kabelbinder. Er löst sie, einmal mehr, seine Finger streifen Devamoors kühle Haut, heiß an den wundgescheuerten Stellen.
Dann macht er einen Schritt zurück.
Devamoor reibt sich langsam die geröteten Handgelenke. Sein prüfender Blick verweilt einen Moment auf Samson. Dann dieses Lächeln. Er steht auf, eine geschmeidige Bewegung trotz der offensichtlichen Erschöpfung.
»Gleich zur Sache, Hauptfeldwebel?« Seine Stimme ist voller Belustigung und offener Provokation. »Kein Vorgeplänkel? Nicht einmal eine Einladung zum Essen, bevor du mir an die Wäsche willst? Naja. Ein Mann deines… Formats« – sein Blick gleitet abschätzend über Samsons Körper, verweilt einen Moment zu lange auf seinem Schritt – »braucht wohl keine Finesse.«
Hitze schießt in Samsons Gesicht. Er presst die Lippen zusammen. Die Übelkeit unterdrücken. »Beeilung, Devamoor. Meine Zeit ist begrenzt.«
Devamoors Lächeln wird breiter. Triumph. »Oh, ich werde mir Zeit lassen, Sonnenschein. Damit du auch wirklich alles gut sehen kannst.«
Devamoor beginnt, quälend langsam, die Knöpfe seines dunklen RVA-Hemdes zu öffnen. Seine Finger scheinen jede Berührung des Stoffes, jede Entblößung zu zelebrieren. Sein Blick, eine offene, spöttische Herausforderung, weicht nicht von Samsons Gesicht. Der schmale, aber definierte Oberkörper kommt zum Vorschein, blasse, auffällig unversehrte Haut für einen Soldaten, leuchtend im diffusen Licht unter der Zeltplane. Die Legenden von einem unantastbaren Phantom, einem Geist auf dem Schlachtfeld. Und plötzlich, angesichts dieser makellosen Haut, wirken sie nicht mehr ganz so absurd, trotz der Rippen, die sich deutlich abzeichnen. Abgemagert.
Devamoor lässt das Hemd theatralisch zu Boden gleiten. Seine Augen funkeln. Die Hände wandern zum Verschluss seiner Hose. Wieder diese unerträgliche, provozierende Langsamkeit. »Gefällt dir, was du siehst, Hauptfeldwebel? Oder soll ich mich gleich bücken für eine genauere… Inspektion?«
Samsons Puls hämmert. Wut. Abscheu. Er zwingt sich, den Blick abzuwenden. Starrt auf die olivgrüne Zeltwand neben Devamoors Kopf. Ein Fehler.
Der Moment der Ablenkung. Devamoor schnellt vor. Katzenhaft. Etwas Metallisches blitzt in seiner Hand – ein kleines, improvisiertes Messer, die Klinge kaum länger als ein Finger, aber scharf. Es zielt auf Samsons Kehle. Ein Warnton. In Samsons Linse leuchtet das Overlay über Devamoors Brust rot auf: ADRENALIN-AUSSTOSS. KAMPFMODUS.
Instinkt. Samsons Körper reagiert, bevor der Verstand die Gefahr erfasst. Linke Hand pariert, packt Devamoors Handgelenk, dreht es mit schmerzhafter Präzision. Rechte Hand greift das Messer, hebelt es ihm mühelos aus den Fingern. Das Messer klirrt gegen das Stuhlbein, fällt dann leise auf die Zeltplane. Eine einzige, fließende Bewegung – Samsons Arm von oben über Devamoors Kopf, legt sich von hinten um seine Kehle.
Stille. Nur ihr Atem, schnell, unregelmäßig. Brust an Rücken. Devamoor keucht, Wut, Frustration, Überraschung. Zu geschwächt. Der verzweifelte Versuch, gescheitert.
Adrenalin rauscht heiß durch Samsons Adern. Der Angriff war real. Gefährlich. Jetzt, danach: keine Wut, kein Triumph. Nur eine tiefe, resignierte Enttäuschung. Ein Hauch von Mitleid?
»Ich dachte, Sie wären ein brillanter Stratege, Devamoor.« Seine Stimme ist leise, ruhiger, als der Sturm in ihm. Ein Anflug von Herablassung. »Diese Art von… Verzweiflung. Steht Ihnen nicht.«
Er löst langsam den Griff. Tritt einen Schritt zurück. Gibt Devamoor Raum. Sein Blick ist fest. Die Kontrolle zurückgewonnen. Devamoor weicht keuchend zurück, reibt sich den Hals. Verletzter Stolz. Respekt in seinen Augen.
Samson bückt sich, hebt das kleine Messer auf. Geschliffenes Metall. Valeris Einfallsreichtum, sein Überlebenswille. Eine widerwillige Anerkennung glimmt in ihm auf.
Die Wachposten draußen sind ruhig. Ihr kleiner Vorfall hat keinen Lärm verursacht. Das Messer muss er melden, aber… die Provokation? Den Angriff? Würde nur die Fronten verhärten. Die Leute voreingenommen machen. Und er braucht einen Draht zu Devamoor, um ihn zu überzeugen.
»Ziehen Sie sich jetzt bitte um.« Samsons Stimme, wieder formell, aber mit neuer, unterschwelliger Autorität. Er fixiert seinen Blick auf Devamoors Gesicht, vermeidet den Körper. Eine Illusion von Privatsphäre, aber genug, um einen erneuten Angriff sofort zu erkennen. Er rechnet nicht wirklich damit. Devamoors Haltung ist subtil verändert, vielleicht einen Hauch entspannter, resignierter. Keine unmittelbare Gefahr mehr. Für den Moment.
–
Samson legt Devamoors abgelegte Kleidung auf den leeren Untersuchungstisch.
Yu und Maren stehen ihm gegenüber. Yu, aufmerksam wie immer, hilft ihm, die Uniform auf dem Tisch auszulegen, während Maren mit kritischem Blick von der Seite zusieht. Die Uniform ist dunkelgrau, mit subtilen Abnutzungsspuren, die von hartem Einsatz zeugen. Ein stechender Geruch nach kaltem Schweiß, Dreck und etwas anderem, einem waldigen Parfüm, das seltsam deplatziert wirkt, kriecht ihm in die Nase.
»Riecht wie ein Zivilist, nicht wie eine dieser RVA-Ratten.« Maren verzieht leicht die Nase. »Obwohl die ja jetzt anscheinend auch schon Uniformen tragen. Wer hätte das vor ein paar Monaten gedacht, als die noch wie ein marodierender Haufen Jugendlicher durch die Wälder geschlichen sind?«
»Unterschätz die nicht, Maren.« Yu mustert die Säume, tastet sie methodisch ab. »Devamoor hat sie diszipliniert. Und er ist gefährlich. Er ist der Mann, der bei den Silberquellen die gesamte fünfte ISD-Kompanie aufgerieben hat.« Yu verweilt an einem Uniformärmel, hebt ihn an, zeigt ihnen den aufgeschnittenen Saum.
Wahrscheinlich das Versteck von Devamoors improvisiertem Messer. Hat er den Metallsplitter bei seiner Gefangennahme gefunden, dort versteckt und dann bearbeitet? Vielleicht geschliffen an den Streben des groben Metallstuhls? Nicht übel.
»Clever«, murmelt Yu anerkennend und lässt den Ärmel wieder sinken. »Er hat seinen Verstand immer noch nicht verloren.«
»Den Verstand hat er verloren, als er übergelaufen ist«, knurrt Maren und tastet grob eine der Hosentaschen ab. »Generationen von Loyalisten, steinreich durch die Lizenz für den gesamten ›Blauen Strang‹. Und er? Wirft alles weg, um mit diesem Haufen von Terroristen im Dreck zu wühlen.«
Yu blickt nachdenklich auf die Uniform. »Die Devamoors sind das perfekte Beispiel dafür, warum dieser Krieg überhaupt erst ausgebrochen ist. Hätte die Föderation nicht das Wasser des halben Kontinents privatisiert, hätten wir dieses Dilemma jetzt gar nicht.«
All die kleinen Höfe entlang des Flusses. Die Bauern, die Handwerker, ihre Familien… Einen Moment lang Dankbarkeit, dass er solche politischen Entscheidungen nicht treffen muss. ›Statist in deinem Selbstbetrug zu sein, widert mich an‹, flüstert Devamoor in seiner Erinnerung.
»Die Leute wollen doch gar keinen Krieg. Sie wollen nur nicht verdursten, während die Föderationselite in ihren klimatisierten Villen Cocktails schlürft«, fährt Yu fort, seine Stimme ist leise, aber voller unterdrückter Leidenschaft. »Devamoor hat das aus erster Hand gesehen. Er hat die Verträge seines Vaters gelesen. Er wusste, wohin das Geld fließt und woher es kommt. Dass er sich gegen seine eigene Klasse gestellt hat… Das macht ihn entweder zu einem Verräter oder zu einem verdammten Heiligen. Und ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher, was gefährlicher wäre.«
Samson blickt auf den Stoff der Uniform. Das Ganze ist zu komplex für ihn. Aber niemand sollte Durst haben.
Er fährt mit dem Finger über den Kragen des Uniformhemdes. Der Stoff fühlt sich unerwartet glatt an. Der Schnitt ist schmal, tailliert. Er erinnert sich an Devamoors schlanke, zerbrechliche Statur, den Kontrast zu der eisigen Härte in seinen Augen.
»Man sagt, er sei ein Jurist gewesen, bevor er übergelaufen ist«, sagt Yu. »Vielleicht ist er deshalb so unberechenbar. Ein Wahnsinniger, dessen gezähmter Verstand dort draußen endlich ausbrechen darf.«
In einer der Jackentaschen ertastet Samson etwas Hartes. Er zieht es heraus. Ein glatt geschliffener, milchig-weißer Stein, hell gemasert. Kühl liegt er in seiner Hand. Ein ganz normaler Stein, wie Hunderte im Flussbett liegen.
»Was zum Teufel?« Maren beugt sich vor. »Sammelt der Typ Kieselsteine?«
Samson betrachtet den Stein. Rund, klein, völlig nutzlos als Waffe. Nichts Auffälliges daran, vielleicht eine etwas ungewöhnliche Musterung, die an Wolken erinnert. Es passt nicht zu dem Bild des skrupellosen Terroristen, Steine zu sammeln. Es passt auch nicht zu dem Mann, der ihn mit eisiger Verachtung angespuckt hat.
Eine leise Neugier keimt in ihm auf. »Vielleicht ist er auch nur ein Mensch, Maren«, sagt er leise, mehr zu sich selbst.
»Ein Mensch, der unsere Leute umbringt, Hauptfeldwebel.« Ihre Stimme ist scharf, aber ein Anflug von Unsicherheit schwingt mit. »Dieser Krieg dauert schon zu lange. Und je länger dieses Chaos weitergeht, desto weniger werden die Hinterwäldler hier die Neuorganisation der Wasserrechte akzeptieren, verständlich. Und die RVA nutzt das aus.«
»Die Föderation hatte ihre Gründe«, sagt Yu ruhig. »Die Verteilung musste gerechter werden. Aber wie immer bei der Föderation… Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.« Er seufzt. »Und manchmal frage ich mich, ob unsere autonomen Drohnenschwärme und die schicken neuen Energiekerne wirklich wichtiger sind als eine funktionierende Landwirtschaft hier vor Ort.«
Samson nickt. Die winzigen Ortschaften, die er vom Damm aus gesehen hat. Angeschmiegt an eine der letzten Lebensadern in einer zwischen den Flutkatastrophen zusehends verdörrenden Welt. Die Menschen, die dort leben, Landwirtschaft, Handwerk betreiben, versuchen zu erschaffen inmitten des Niedergangs. Das Ende eines Zeitalters. Trotzdem immer noch bloß Krieg. Vielleicht hat die Menschheit es nicht anders verdient, in all ihrer Grausamkeit.
»Sorgt dafür, dass der Gefangene versorgt wird, Maren. Wasser. Eine Decke. Und dann bring das Zeug zur Verbrennung.«
–
Er lehnt sich gegen den Stapel Munitionskisten. Der Wind zerrt an seiner Uniform, trägt den Geruch von Ozon und nassem Beton heran. Samson atmet tief durch, versucht, den Geruch von Devamoors Kleidung – Wald und Angst – aus seiner Nase zu bekommen.
Sein Handgelenk vibriert. Ein vertrautes, doppeltes Pochen. Liz.
Er zögert kurz, aktiviert dann das AR-Interface. Ein kleines, schwebendes Fenster projiziert sich vor seine Augen, nur für ihn sichtbar. Keine Live-Verbindung, sondern eine Videobotschaft.
Liz’ Gesicht ist leicht blaustichig durch das Licht ihres Monitors am anderen Ende der Leitung. Sie sieht müde aus, Strähnen ihres blonden Haares haben sich aus dem strengen Dutt gelöst. Aber als sie in die Kamera bricht, wird ihr Blick weich.
»Hey, Großer«, sagt sie, und ihre Stimme ist wie eine warme Decke in diesem endlosen Nebel. »Ich hoffe, du isst genug. Und ich meine nicht nur das Armee-Zeug.« Sie lächelt kurz, nippt an einem Becher Kaffee. Dann verändert sich ihr Ausdruck. Sie lehnt sich vor, senkt die Stimme, obwohl sie allein zu sein scheint. Der Hintergrund – unscharf gestellt – lässt ein Großraumbüro erahnen. Interne Angelegenheiten.
»Hör zu, Sam. Ich… Ich mache mir Sorgen. Nicht nur die üblichen ›Mein Freund ist im Kriegsgebiet‹-Sorgen.« Sie blickt kurz zur Seite, checkt etwas auf ihrem Bildschirm. »Ich gehe hier gerade Logistik-Berichte durch. Euer Sektor hat einen recht hohen Durchlauf an Betäubungsmitteln.«
Ihr Blick bohrt sich durch die Aufnahme direkt in seine Augen. Scharf. Die Frau, die er liebt, und die Frau, die ihren Job verdammt ernst nimmt.
»Gibt es Probleme bei euch? Auf dem Papier geht die Rechnung auf, aber… Es ist nur ein Bauchgefühl. Nichts, was ich melden könnte. Aber Sam, sei einfach vorsichtig. Wenn da unten irgendetwas läuft, das nicht im offiziellen Playbook steht… Halt dich da raus. Bitte. Spiel nicht den Helden.« Ihre Stimme wird wieder weicher, privater. »Ich brauche dich hier in einem Stück. Ich vermisse dich. Meld dich, wenn du kannst.«
Das Bild flackert und erlischt.
Samson starrt auf die leere Luft, wo eben noch ihr Gesicht war. Ein Stich in der Brust. Betäubungsmittel. Gibt es ein Abhängigkeitsproblem im Lager, das er übersehen hat? Aber er hat die Listen kontrolliert, es fehlt nichts. Wenn jemand Medikamente genommen hat, dann ein anderer Offizier. Nicht, dass es verwunderlich wäre. Er starrt durch das diesige Grau. Nachvollziehbar, sich hier oben betäuben zu wollen. Etwas hier oben stimmt nicht. Und sie spürt es. Natürlich tut sie das. Sie ist brillant.
Er tippt auf das Antwort-Icon. Seine Finger schweben über der virtuellen Tastatur. Was kann er sagen?
»Alles ruhig hier«, tippt er. Löscht es wieder. Lüge.
»Vermisse dich auch«, tippt er schließlich. Sendet es ab.
Es ist die Wahrheit, aber es fühlt sich an wie eine Lüge durch Auslassung. Aber was soll er sagen? Da ist nichts als ein diffuses, ungutes Gefühl.
4. Das Verhör
Samson
Das fahle Licht der einzelnen Glühbirne wirft harte Schatten auf Devamoors blasses, schmales Gesicht. Sein Blick… unverändert. Scharf. Beobachtend. Verächtlich.
Stunden sind vergangen. Als würde Samson mit einem Sieb Wasser aus einem sinkenden Boot schöpfen, in dem sie beide sitzen.
Gänsehaut, nicht aus Angst vor Devamoor, eher aus Ekel vor sich selbst. Er ist über seinen eigenen Widerwillen hinweg gewalzt wie ein Kettenfahrzeug.
Ihm fällt nichts mehr ein. Er hat ihm jede Möglichkeit gegeben, zu kooperieren. Er hat ihn gewarnt. Hat Devamoor nicht verstanden? Warum bloß ist dieser Mann so stur? Und warum kann Samson ihn nicht einfach aufgeben, ihn Monsanto überlassen? Irgendetwas muss es doch noch geben, das er nicht versucht hat. Etwas, das den Gefangenen endlich einsehen lässt, wie frustrierend, wie sinnlos–
Er lässt sich direkt vor Devamoors Stuhl auf ein Knie sinken. Der feuchte Zeltboden drückt sich durch den Stoff seiner Hose. Kalt. Sein Gesicht ist jetzt auf gleicher Höhe mit Devamoors. Er blickt ihm direkt in die dunklen Augen. Berechnung. Und… ist das ein Hauch von Neugier darin? Der Raum um sie herum scheint sich aufzulösen. Nur noch dieser Blick. Intensiv. Herausfordernd.
Der Geruch von Schweiß und Dreck hängt schwer zwischen ihnen. Samson atmet flach. Die Wärme von Devamoors Körper, nur Zentimeter entfernt. Das leichte Zittern in Devamoors Händen, das er zu verbergen versucht.
»Sagen Sie irgendwas.« Samsons Stimme ist leise, eindringlich. Es muss ja nicht einmal die Wahrheit sein. »Wenn Sie mich weiter anschweigen, werden Leute übernehmen, die nicht so…« Er sucht nach dem richtigen Wort. »…geduldig sind wie ich.«
Devamoors Augen bleiben fest auf ihn gerichtet. Aber etwas dahinter verändert sich. Ein kaum merkliches Flackern. Erkenntnis? Furcht? Es ist nur ein Moment, dann ist der Blick wieder hart.
»Deine Empathie ist deine Schwäche.« Devamoors Worte sind präzise kleine Schnitte. »Du bist im falschen Job, Soldat.«
Als hätte Devamoor direkt in ihn hineingesehen, seine Zweifel erkannt. Seinen Widerwillen. Seine tiefsitzende Angst, hier zu versagen – oder, schlimmer noch, hier erfolgreich zu sein, auf die falsche Art.
Hitze schießt Samson ins Gesicht. Etwas reißt in seiner Brust. Sein sorgsam gehütetes inneres Gleichgewicht. Pflicht. Menschlichkeit. Nichts ist mehr am richtigen Platz.
Er steht unkontrolliert auf, tritt gegen die verdammte Werkzeugkiste. Ein dumpfer Schlag. Der Inhalt scheppert über die Plane. Gefolgt von einem kurzen, scharfen Luftholen. Von Devamoor.
Samson wirbelt herum. Devamoor ist zusammengezuckt, sein Körper presst sich in den Stuhl. Für einen Augenblick ist echte, unverstellte Furcht in diesen sonst so kontrollierten Augen.
Der Anblick gibt ihm keine Genugtuung. Nur die dumpfe, bleierne Schwere des Versagens in seiner Brust. Und einen winzigen, schmerzhaften Stich der Erkenntnis, einer überschrittenen Grenze, nicht nur gegenüber dem Gefangenen, sondern auch gegenüber sich selbst.
Langsam lässt er sich zu Boden sinken, beginnt, die verstreuten Werkzeuge wieder einzusammeln. Erbärmlich. »Tut mir leid.« Die Worte kratzen in seiner Kehle. Der Puls hämmert in seinen Schläfen. »Wo ist der Code, Devamoor?« Er greift nach einem Schraubenschlüssel, blickt kurz zu dem Gefangenen auf. Kann dem Blick nicht standhalten. Sieht weg. Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. »Bitte.«
Devamoor hat sich wieder gefangen. Die Angst ist weg, ersetzt durch eine kühle, angespannte Wachsamkeit. »Nicht hier«, antwortet er, die Stimme wieder fest, spöttisch. »Definitiv nicht hier.«
Die Zeltplane raschelt.
»Fortschritte, Hauptfeldwebel?« Monsantos schneidende Stimme.
Samson richtet sich mühsam auf. »Wir diskutieren die Situation, Herr Oberstleutnant.«
»Diskutieren.« Monsantos Stimme lässt keine Zweifel daran, was er davon hält. »Ich sehe keine Notizen auf Ihrem Block. Ich höre keine Informationen über Zugangscodes oder Verteidigungsanlagen.« Er tritt näher, mustert Devamoor abschätzig von oben bis unten. »Mir scheint, Ihr… sanfter Ansatz zeigt keine nennenswerten Ergebnisse.«
Samson drückt den Rücken durch, ballt die Hände hinter dem Rücken zu Fäusten, um das Zittern zu verbergen. »Ich denke, mit mehr Zeit–«
»Zeit ist genau das, was wir nicht haben, Hauptfeldwebel.« Monsanto greift nach Samsons Arm, zieht ihn unsanft hoch und zur Seite, außer Hörweite des Gefangenen. Seine Stimme sinkt zu einem eisigen Flüstern. »Ich habe Sie für diese Aufgabe ausgewählt, weil ich dachte, Ihre besonderen… Fähigkeiten könnten nützlich sein. Ihre Menschenkenntnis. Ihren medizinischen Verstand. Manchmal muss man bereit sein, ein infiziertes Glied zu amputieren, um den gesamten Körper zu retten. Aber wenn Sie zu weich dafür sind…«
»Ich bin nicht weich.« Samsons Hände verkrampfen sich. »Ich versuche, Vertrauen aufzubauen. Das braucht Zeit.«
Monsanto nickt knapp. Eine mechanische, ungeduldige Bewegung. »Wie erwartet. Ich übernehme jetzt.« Effizient. Bedrohlich.
Samson zögert beim Herausgehen. Eine Hand liegt noch auf der Zeltplane. Er wirft einen letzten Blick zurück. Fängt Devamoors Augen. Für einen flüchtigen Moment. Was ist das darin? Eine stumme Bitte? Resignation? Oder doch Angst?
»Hauptfeldwebel.« Monsantos Stimme ist ein Peitschenhieb. Nicht lauter. Nur härter. »Wegtreten.«
Widerstrebend lässt Samson die Plane los. Tritt einen Schritt zurück. Sie schwingt zu. Das Geräusch ist endgültig. Wie ein Fallbeil.
Er sollte gehen. Seine Schicht ist vorbei. Er muss einen Bericht schreiben. Aber seine Füße kleben am Boden. Neben dem Eingang zum Zelt ist ein kleiner Spalt in der Plane, dort wo sie nicht ganz schließt. Er kann nicht anders. Er muss… Metz und Lehmann, die neuen Wachen, werfen ihm kurze, verständnisvolle Blicke zu, drehen sich demonstrativ weg. Niemand hält ihn auf, als er sich näher zu dem Spalt beugt.
Er sieht Monsanto langsam auf Devamoor zugehen. Wie ein Chirurg, der sich seinem Operationstisch nähert. Er bleibt vor Devamoor stehen. Sein Schatten fällt auf den gefesselten Mann.
»Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit, Herr Devamoor«, dringt Monsantos Stimme nach draußen. Keine Spur von Bewunderung darin. Nur eine kalte Feststellung. »Aber ich fürchte, die Zeit für zivilisierte Gespräche ist nun endgültig vorbei.«
Devamoor sagt nichts. Keine sichtbare Reaktion. Nur seine Augen. Wach. Gespannt. Sie folgen Monsanto nicht. Sie starren geradeaus, fixieren einen Punkt an der Zeltwand.
Monsanto beugt sich vor. Direkt zu Devamoors Ohr. Seine Lippen bewegen sich. Die Worte sind nicht zu hören. Aber Samson sieht die Wirkung. Sieht, wie Devamoor erstarrt. Wie die letzte Farbe aus seinem Gesicht weicht. Sekundenschnell. Als hätte jemand einen inneren Schalter umgelegt. Die Lebendigkeit, die Verachtung – ausgeknipst. Zurück bleibt etwas… Leeres.
Monsanto richtet sich auf. Ein winziges, zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen. Er streicht sein Jackett glatt. Dreht sich um. Kommt zur Zeltplane.
Samson tritt hastig zurück vom Spalt. Zu spät.
»Ah, Hauptfeldwebel.« Monsanto, der aus dem Zelt tritt und Samson entdeckt. »Immer noch hier?« Seine Augen verengen sich. »Haben Sie nicht einen Bericht zu schreiben?«
»Jawohl.« Samsons Stimme ist belegt. Eine einzelne Schweißperle löst sich von seiner Stirn, rinnt ihm langsam die Schläfe hinunter.
Monsanto betrachtet ihn einen Moment länger. Dann nickt er knapp. Geht den Weg zum Hauptlager zurück. Präzise, kontrollierte Schritte.
Samson entspannt sich minimal. Keine Strafe. Er wartet, bis Monsanto außer Hörweite ist. Metz wendet ihm demonstrativ den Rücken zu, während Lehmann ihn kurz ansieht und sich dann schulterzuckend eine Zigarette anzündet.
Er hat sein Glück und Monsantos Nachsicht bereits überstrapaziert, aber er kann nicht anders. Er zögert nur einen Herzschlag, bevor er die Plane wieder hebt und zurück ins Zelt schlüpft.
Die Luft knistert. Geladen mit etwas Schwerem.
Devamoor sitzt unverändert da. Aber alles an ihm ist anders. Die Schultern sind leicht eingesunken. Der Blick ist starr, ins Leere gerichtet. Als Samson näher kommt, heben sich Devamoors Augen langsam. Und Samson sieht sie. Die nackte, unverfälschte Angst.
»Was hat er Ihnen gesagt?« Samsons Flüstern ist kaum hörbar, selbst für ihn.
Devamoor öffnet den Mund. Schließt ihn wieder. Seine Lippen sind trocken und rissig. Er schüttelt kaum merklich den Kopf. Aber seine Augen schreien. Sie erzählen eine Geschichte von etwas Unaussprechlichem. Etwas, das schlimmer ist als körperlicher Schmerz.
Samson macht einen Schritt auf ihn zu. Will etwas tun. Sagen. Irgendwas. Um diesen Ausdruck auszulöschen.
In diesem Moment knackt es an seiner Schläfe. Ein scharfer, statischer Impuls, direkt in seinen Knochen übertragen, gefolgt von der neutralen Stimme des Funkers.
»Sonnenschein. Befehl von Monsanto. Bringen Sie den Gefangenen nach Sektor C. Sofort.«
Die Stimme des Funkers ist geschäftsmäßig. Emotionslos.
Eine bleierne Schwere in seinen Gliedern. Vielleicht wird er krank. Sektor C. Das Schlachthaus. Kein Verhör mehr. Keine Geduld. Nur noch… das.
Seine Augen treffen Devamoors. Und er sieht das Erkennen darin. Devamoor weiß es. Er weiß, was Sektor C bedeutet.
Samson ahnt, was Monsanto ihm zugeflüstert hat. Sein Gesicht wird zu Stein. Die Erkenntnis trifft ihn mit der Wucht eines Faustschlags. Was er jetzt tun muss. Seine Hände sind taub. Leer. Aber in seiner Brust brennt es. Heiß. Schuld. Und etwas anderes. Etwas Dunkles. Eine Ahnung.
Die Stimme über den Knochenschall wird ungeduldig. »Hauptfeldwebel. Bestätigen Sie.«
Samsons Blick weicht nicht von Devamoors Augen. Augen, die jetzt eine Mischung aus blanker, verzweifelter Angst und… etwas wie einen letzten, verlorenen Funken Hoffnung zeigen, der gerade erlischt.
»Verstanden.« Samsons Stimme ist nicht seine eigene. Sie ist kalt, hart, ohne jeden Ausdruck. »Bin unterwegs.«
5. Atem
Valeri
Als sie ihn ins Freie zerren, beginnt irgendwo in seinem Kopf eine Uhr zu ticken, ein unerbittlicher Countdown zu etwas, das er noch nicht benennen kann. Das grelle Sonnenlicht sticht in seinen Augen nach all den Stunden im dämmrigen Zelt.
Ein statisches Rauschen in seinen Sinnen, eine schmerzhafte Abwesenheit, immer noch. Ohne seine Nodes ist er taub, blind für die digitalen Echos der Welt. Er kann nicht einmal die Vitalwerte seiner Leute sehen, die im Kontrollraum ausharren. Die Ohnmacht ist eine physische Last, die ihm die Luft zum Atmen nimmt.
Valeri blinzelt, orientiert sich. Das Lager der Infrastruktur-Division: ordentliche Zeltreihen, dahinter die massive, steil abfallende Betonkurve des Damms. Ein olivgrüner Militärtransporter wartet, die offene Heckklappe, ein hungriges Maul.
»Weitergehen.« Ein Stoß zwischen die Schulterblätter.
Valeri stolpert vorwärts, fängt sich, zwingt den Atem unter Kontrolle. Seine Gedanken rasen, katalogisieren.
Fünf Männer begleiten ihn, alle schwer bewaffnet. Die Wachposten am Lagerzaun schauen bewusst weg. Sonderbehandlung. Scheiße.
Vor dem Transporter steht eine schlanke Gestalt – Oberstleutnant Monsanto, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, das Gesicht eine kontrollierte Maske. Ein Mann, der seine Uniform trägt wie eine zweite, tote Haut.
»Devamoor.« Monsantos Stimme ist neutral wie destilliertes Wasser. »Ich hoffe, Sie hatten ausreichend Zeit zum Nachdenken.«
Valeri zwingt sich, aufrecht zu stehen, den Kopf zu heben. »Leider kann ich mich noch lebhaft an Ihr Gesicht erinnern. Könnte ich eine Verlängerung bekommen?«
Monsanto tritt einen Schritt näher. Zu nah. Seine Stimme sinkt zu einem intimen, bedrohlichen Flüstern. »Wir haben Ihre Akte studiert, Devamoor. Sehr gründlich.«
Valeris Magen klumpt sich zusammen. Kalt. Hart. Der Körper reagiert. Alarmbereitschaft. Aber der Verstand bleibt klar. Blick halten.
»Sie können lesen?!«
Monsanto lächelt. Ein dünnes, kaltes Verziehen der Mundwinkel, das seine Augen nicht erreicht. »Wir werden sehen, ob Ihre vielgerühmte Loyalität zu Ihren sogenannten Regionalverteidigern stärker ist als… gewisse Urinstinkte.« Er deutet mit einem knappen Nicken zum Laderaum des Transporters. »Wir haben für einen so wichtigen Gast wie Sie einen ganz besonderen Transport zu Ihrer neuen Unterkunft organisiert.«
Valeri wirft einen Blick in das dunkle Maul des Wagens. Der Boden. Ausgekleidet mit dicker, glänzender Plastikfolie. Am Boden schwappt Wasser, wadentief vielleicht. Ein beschissener Krieg um Wasser, und der Wichser nimmt die Mühen auf sich, einen ganzen Transporter umzubauen, um ihn zu ertränken. Schlechter Witz. Es gluckert leise, als sich im Inneren jemand bewegt. Ein improvisiertes Becken. In einem geschlossenen Fahrzeug. Voll Wasser. Es ist lächerlich, und doch. Panik schießt ihm heiß in die Kehle, droht, die kühle Analyse zu ertränken. Sein Herz beginnt zu stolpern, das Ticken der Uhr wird zu einem rasenden Hämmern.
Fuck. Nein.
»Der Code für das Terminal, die Anzahl Ihrer Leute im Damm, die Namen Ihrer Kontakte in den umliegenden Dörfern.« Monsanto zählt die Punkte an seinen Fingern ab. »Liefern Sie uns diese Informationen, dann lasse ich Sie vielleicht doch auf der trockenen Rückbank mitfahren. Ansonsten können Sie sicher sein, dass Ihre Kameraden im Damm ein ähnliches Ende finden werden.«
Der entfernte Gedanke, dass Monsanto keine Methoden anwenden würde, die ihn vors Kriegsgericht bringen könnten, wenn er vorhätte, Valeri jemals in einem Gefangenenaustausch freikommen zu lassen, flackert durch seinen Verstand. Eine nüchterne Analyse in einem steigenden Meer aus Entsetzen.
Grobe Hände packen ihn. Stoßen ihn vorwärts. Zum finsteren Maul.
Dunkelheit. Ein rauer Sack über den Kopf, wieder. Der Geruch nach Jute und Staub erfüllt seine Lungen. Hände zerren an seinen Armen, fesseln sie wieder auf dem Rücken. Enger diesmal, Kabelbinder graben sich in die Haut. Dann die Beine. Zusammengezurrt an den Knöcheln. Er ist vollkommen wehrlos.
»Sie passen auf, dass er nicht abhaut, Hauptfeldwebel.« Eine der Wachen. Ein Befehlston, weitergegeben mit einer beiläufigen Brutalität. »Und dass er uns nicht ersäuft. Vorerst.« Ein Lachen. Roh. Gemein.
Die Angst schnürt Valeri die Kehle zu.
Seine Füße finden keinen Halt mehr, als sie ihn hochheben, als wöge er nichts. Vermutlich wiegt er wirklich kaum noch etwas nach all den Wochen im Kommandoraum. Für einen kurzen, schrecklichen Moment stürzt er durch die Luft, dann durchschlägt sein Gesicht die kalte Oberfläche.
Die Kälte trifft ihn wie ein Schlag. Er kann nicht atmen. Er will sich hochstützen, den Kopf aus dem Wasser reißen, doch die Hände sind hinter ihm gefesselt, unbrauchbar. Scheiße, er muss sich umdrehen, er ertrinkt, aber die Folie ist glitschig, er findet keinen Halt, keine Reibung. Er schluckt Wasser. Hinter ihm schlagen die Türflügel des Wagens zu. Die Schwärze wird undurchdringlich. Verzweifelt bäumt er sich auf – spuckt, versucht gleichzeitig nach Luft zu schnappen. Scheiße, ist sein Kopf über Wasser oder nicht? Er kann es nicht sagen. Der Motor des Wagens springt an, ein tiefes, vibrierendes Grollen. Das gesamte Wasser beginnt zu schwingen, wird lebendig. Irgendwie gelingt es ihm, sich auf den Rücken zu winden. Sein Gesicht bricht wieder durch die Wasseroberfläche – diesmal anders herum. Er schnappt nach Luft, aber da ist auch jede Menge Wasser, er muss es abhusten, er kann nicht aufhören zu husten, ein unkontrollierbarer Krampf – Der Wagen nimmt eine Kurve, und er rutscht wieder unter Wasser. Das war es. Er wird sterben.
Etwas packt ihn, drängt ihn in eine Richtung, in die er nicht will. Nein, nicht! Wenn er schon sterben muss, dann kämpfend, nicht ertränkt von einem sadistischen Fremden.
Erst mit einiger Verspätung begreift er, dass die Hand ihn aus dem Wasser zieht. Der Wagen nimmt eine weitere Kurve, Oh Gott, nein, er rutscht wieder ab – nicht noch einmal – da ist eine zweite Hand an seiner anderen Schulter. Stabilisierend.
Jemand redet mit ihm. Er versteht die Worte nicht. Sein Körper schreit, sein Puls hämmert wie eine Industriemaschine in seinen Ohren, dröhnt lauter als die Motorengeräusche.
Die Stimme ist im Hintergrund, unklar, aber da, ruhig, beharrlich. Eine weitere Kurve. Er schlittert wieder – Gott, nein, bitte nicht – aber diesmal wird er weniger stark durch das improvisierte Becken geschleudert. Etwas – nein, jemand – stabilisiert seine Schultern. Hält seinen Kopf über Wasser. Bei Unebenheiten im Weg – über was für eine verschissene Schotterpiste fahren diese Bastarde? – schwappt noch immer Wasser über sein Gesicht, aber jetzt ist es viel weniger, schwappt über Mund und Nase, aber fließt auch sofort wieder ab, erlaubt ihm kurze, gierige Atemzüge.
Was sagt die Stimme? Er kennt sie. Die Tiefe. Die Ruhe.
»Ich habe dich. Du ertrinkst nicht. Atme.« Der Sanitäter. Sonnenschein.
Hält er ihn fest? Gefangen. Scheiße, nein, er darf nicht fixiert sein, wie soll er sonst zur Oberfläche schwimmen? Er muss den Gurt lösen, wieso kann er seine Hände nicht bewegen? Wo sind die anderen? Wo ist oben? Er ertrinkt. Er windet sich, versucht, um sich zu schlagen, aber kann nicht, muss sich aus diesem Griff befreien.
Nein – warte. Das ist nicht echt. Es riecht falsch, nach Chemikalien, Putzmittel, nicht nach dem See, nicht nach Schweiß und Marcos billigem Nikotin.
Es hält ihn immer noch jemand fest. Die Arme eines Partners? Ein Albtraum? Aber er schläft nicht. Mit der Wucht eines Vorschlaghammers ist die Realität zurück.
»Ich habe dich. Du ertrinkst nicht. Ich habe dich.« Die massive Brust des Sanitäters hinter seinem Rücken, die ihn stabilisiert, ein paar große, überraschend sanfte Hände um seinen Kiefer, die seinen Kopf sicher über Wasser halten.
»Du bist sicher. Ich habe dich. Atme.«
Gerade ist es leichter, dieser ruhigen, autoritären Stimme einfach zu folgen. Er holt tief Luft. Muss sofort wieder husten, würgt krampfend mehr Wasser hoch, als seine Lunge eigentlich fassen sollte, aber es ist okay, sein Kopf bleibt über der Oberfläche, er kann atmen. Er wird gehalten.
Sein Atem geht immer noch rasselnd durch den Mund. Ein unkontrollierbares Zittern jagt durch seinen Körper. Er ist blind. Kälte. Die Panik ist nicht weg. Nur… gehalten. Die Arme des Sanitäters, die ihn von hinten umfassen, seinen Rücken an eine breite, nasse Brust ziehen. Bei jeder Bewegung des Wagens rutschen sie beide leicht hin und her. Ein absurder, unfreiwilliger Anker im dunklen, schwankenden Nichts.
Valeri zwingt den Verstand zur Arbeit. Analyse. Jetzt. Sonst ertrinkt er in der Angst, nicht im Wasser. Fokus. Zerlegen. Verstehen. Dieser Feind. Der Sanitäter. Hält ihn über Wasser. Warum? Nur der Befehl?
Reden. Irgendwas. Das Schweigen ist zu laut, gefüllt vom Rauschen in seinen Ohren, dem bedrohlichen Schwappen des Wassers, immer wieder kalt über Brust und Gesicht.
»Wasser… kalt«, presst er hervor. Banal. Aber ein Anfang. Ein Test.
Die Arme um seine Brust sind fest, aber nicht erdrückend. Die Stimme des Sanitäters, direkt neben seinem Ohr, ruhig, tief. »Ja. Ist nicht beheizt.« Sachlich. Ohne Spott.
Okay. Antwortet. Gut.
»Warum… hältst du mich?« Die Worte kommen brüchig, jeder Laut eine Anstrengung. Nur das Rumpeln des Wagens über die verdammte Schotterpiste. Das Schwappen. Wieder Wasser im Gesicht. Kalt. Er keucht.
»Ruhig«, murmelt die Stimme. Der sanfte Druck von Händen, die über Valeris nasse, gefesselte Arme reiben, da, wo sie ihn halten. »Wir wollen nicht, dass du ertrinkst.« Die Stimme des Sanitäters, so nah.
»…noch nicht«, vervollständigt Valeri den Befehl keuchend.
Ein Befehl. Nicht Mitleid. Ernüchternd. Logisch. Sie brauchen ihn noch. Wofür? Informationen. Das Schlachthaus. Das Zittern wird stärker. Nein. Analyse. Weiter. Schwachstellen finden. Ablenken. Sich ablenken.
»Der Sack.« Valeris Stimme ist überraschend fest. »Nimmt mir die Luft.« Es ist halb wahr. Der nasse Stoff klebt unangenehm an seinem Gesicht. Aber es ist vor allem ein Test. Wie weit geht die ›Fürsorge‹?
Wieder eine kurze Pause. Bewegung unter ihm, der Sanitäter verlagert sein Gewicht. Ein Arm löst sich vorsichtig von seiner Brust. Er spürt vorsichtige Finger am Sack, dann ein Hauch von frischerer Luft an seinem Mund, seiner Nase. Ein kurzes Innehalten des Sanitäters. Dann wird der Sack leicht angehoben. Zwielicht. Er kann schemenhaft sehen.
Halbdunkel. Die schimmernden Innenwände des Containers, verkleidet mit schwarzer Folie. Neben sich die aufgestützten, massiven Beine des Soldaten, der sich sichtlich bemüht, sie beide gegen die unkontrollierbaren Bewegungen des schlingernden Fahrzeugs abzustützen. Sie rutschen trotzdem bei jeder Bodenwelle etwas. Dennoch. Besser. Ein wenig. Ein winziger Fetzen Kontrolle zurück.
Fokus. Gespräch. Analysieren. Diesen Mann lesen. Ihn benutzen.
»Gefällt dir der Job?« Valeri überstreckt den Hals, versucht, das Gesicht des Sanitäters zu sehen, aber es schwappt bloß wieder Wasser hoch. Fuck. Keuchen.
»Welcher Job?« Die Stimme ist neutral.
»Dieser.« Valeri deutet mit einem Kopfschwenker auf die surreale Situation. Das Wasser schwappt wieder über sein Gesicht. Er schnappt nach Luft. Scheiße. »Der Folterknecht.«
Für einen kurzen Moment wird der Griff des Sanitäters um seine Brust hart, lockert sich aber sofort wieder.
Da ist es. Schuld, Vorsicht. Der Moralkompass. Die Schwachstelle. Ein Anflug von kalter Bosheit: Vorhersehbar. Nutzbar.
Der Wagen schlingert heftig. Ein tiefes Schlagloch. Wasser schwappt hoch, eine Welle, die über sein Gesicht bricht, in Mund und Nase. Panik schießt hoch. Er keucht, windet sich.
»Ruhig. Ich hab dich.« Die Arme ziehen ihn fester an die Brust. Die Stimme ist sicher. Eine Hand streicht ihm kurz, beruhigend über den nassen Arm. »Atme. Es ist okay. Ich hab dich.«
Die Geste ist unerwartet, fast zärtlich. Wut lodert in ihm auf. Auf den Sanitäter. Auf sich selbst, weil ein verräterischer Teil von ihm sich an diese erzwungene Nähe klammert.
»Fass mich nicht an!«, zischt er, obwohl er weiß, dass er auf den Halt angewiesen ist.
Die Hand erstarrt, aber der Griff um seine Brust bleibt fest. »Okay.«
Das Gespräch ist unwichtig geworden. Nur noch der Kampf. Gegen das Wasser. Gegen die Panik. Gegen die Demütigung. Seine durchnässte Kleidung klebt an ihm, zeigt zu viel. Zwischen den verdammten Beinen seines Feindes, der ihn festhält und gleichzeitig tröstet wie ein verängstigtes Kind.
»Ein Glück, dass ihr kein unnötiges Leid verursacht«, presst Valeri hervor, als sich der Wagen wieder etwas beruhigt hat. Spuckt aus. »Glaubst du das?« In die Wunde bohren.
Stille. Nur das Rumpeln. Das Klatschen des Wassers gegen die Containerwände.
Das Fahrzeug wird langsamer. Deutlich. Bremsen quietschen leise. Die Arme des Sanitäters lockern sich. Sie sind da. Das Herz hämmert. Urangst.
»Nein.« Das Flüstern des Sanitäters ist kaum zu hören. »Darum bin ich hier.«
Letzte Kurve. Stopp. Der Motor geht in den Leerlauf über. Brummt. Stimmen draußen, gedämpft. Schritte auf Metall. Näher. Valeri verkrampft. Das Zittern ist wieder da. Unkontrollierbar. Die Atempause ist vorbei. Ende der Fahrt. Anfang von… was?
Der Sanitäter bewegt sich. Löst den Griff langsam, als zögere er. Beugt sich vor. Sein nasses, bärtiges Gesicht direkt neben Valeris Wange. Die Wärme seines Atems ist ein scharfer Kontrast zur Kälte des Wassers.
»Valeri«, flüstert er. Dringend. Intensiv. »Sag ihnen irgendwas. Einen Code. Einen falschen. Irgendeinen. Damit du Zeit hast. Nachdenken kannst.« Ein Appell. Verzweifelt. Nicht um ihn zu befreien, das ist klar. Nur um das Unvermeidliche hinauszuzögern. Naiv.
Valeri schüttelt den Kopf. Kann nicht. Selbst eine Lüge wäre ein Grund für Monsanto, den Kontrollraum zu stürmen. Seine Leute… Nein. Schweigen. Die einzige Option.
Der Sanitäter stößt leise die Luft aus. Frustration. Angst.
»Ich ziehe den Sack wieder ganz drüber«, flüstert er dann schnell. »Ich sage, du hast nichts gesagt. Sie versuchen es wieder. Anders.« Die Warnung. Eindringlich. »Sei bereit.«
Valeri erstarrt. Verarbeitet die knappen Worte. Keine Zeit. Nur die Information. Er nickt. Eine knappe Bestätigung. Mehr nicht.
Der Sanitäter greift nach dem nassen Jutesack. Zieht ihn wieder über Valeris Kopf, weniger grob als die Wachen zuvor, aber die Dunkelheit ist jetzt nicht weniger beängstigend. Erstickend. Vielleicht sogar schlimmer als vorher. Weil er jetzt weiß, was der Sanitäter glaubt, was kommt. Weil der Sanitäter ihm nicht wirklich helfen will. Nur seine eigene Schuld aufschieben.
Die Hecktüren werden aufgerissen. Grelles, blendendes Licht dringt selbst durch den dicken Sack. Stimmen, laut. Befehle. Grobe Hände packen ihn. Zerren. Aus dem Wasser. Kalt. Nass. Schwer. Ausgeliefert. Das Spiel beginnt. Mit einer neuen Variable. Dem Sanitäter. Sonnenschein. Ein Mann mit Gewissen im feindlichen Lager. Ein schwacher Punkt. Den er nutzen muss. Irgendwie. Wenn er überlebt.